„Immer mehr Sportvereine in Südwestfalen müssen fusionieren“ (Der Westen, 30.07.2012)

Es läuft nicht mehr rund: Weil es den Mannschaften in Südwestfalen an Spielern fehlt, müssen immer mehr fusionieren. Cindy Adolph von der Universität Paderborn weiß, wie das gelingen kann.

Die Mannschaften in Südwestfalen leiden unter dem demografischen Wandel. Mancherorts verlässt jeder zweite Spieler den Verein, weil Job oder Studium zu einem Umzug zwingen. Expertin Cindy Adolph von der Universität Paderborn rät den Vereinen daher zu Fusionen. Doch das erschwert die Identifikation.

Als Helden der Kreisklasse haben sie Schlagzeilen gemacht, als sie 2011 gegen Kleusheim/Elben II um die Ehre der schlechtesten Seniorenmannschaft kämpften. Ein charmanter Titel – auf den man beim SV Blau-Weiß Oedingen aber nicht weiter die Anwartschaft haben wollte.

Und so hat der Verein vor einem Jahr eine Spielgemeinschaft mit dem BVB Bracht im Seniorenbereich gegründet. 30 Spieltage und 23 Siege später ist die neue Mannschaft Meister in der Kreisliga B geworden – und aufgestiegen.

„Wir hatten nicht mehr genug Spielermasse“, erklärt Carsten Pies, Geschäftsführer von Blau-Weiß Oedingen, warum der Zusammenschluss notwendig wurde. Jeder zweite junge Mann verlasse mittlerweile den Verein, weil er zum Studium aus der Region ziehe, so Pies. Oder weil er von größeren, attraktiveren Vereinen geködert werde, fügt er hinzu.

Seit Jahren auf der Suche nach Partnervereinen

Ein Problem, mit dem Blau-Weiß Oedingen keineswegs allein dasteht, wie viele andere Spielgemeinschaften oder gar Vereinsfusionen in Südwestfalen zeigen. „Der demografische Wandel und die Abwanderung junger Menschen stellen Sportvereine zunehmend vor große Schwierigkeiten“, sagt Cindy Adolph von der Universität Paderborn.

Denn je kleiner der Verein, desto schwieriger werde es, gute Spieler zu halten, geschweige denn neue zu gewinnen. Je kleiner der Verein, desto weniger Fördermittel bekomme er auch von der Kommune, vom Verband, desto weniger Mitgliedsbeiträge nehme er ein, desto schwieriger werde es, die Kosten für den Platz, die Halle zu tragen, so die Expertin.

Es treffe vor allem die Mannschaftssportarten, insbesondere den Fußball, so Adolph. Am Institut für Sportsoziologie erforscht sie Vereine, die mit anderen fusioniert haben – und sie berät diejenigen, die eine Club-Ehe anbahnen.

Eine solche Hochzeitsplanerin scheinen Vereine und Mannschaften durchaus gebrauchen zu können, weil es nicht leicht ist, eine Allianz zu schmieden, wie Carsten Pies aus Erfahrung erzählen kann: Seit Jahren schon sei Blau-Weiß Oedingen auf der Suche gewesen, habe mit anderen Vereinen verhandelt, sagt er. Geklappt habe es nie. Grund sei das „Kirchturmdenken“ mancher Vorstände, beklagt er. Deren Traditionsbewusstsein sei ausgeprägter gewesen als die Fähigkeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken, dass es um die Mannschaft, den Verein nicht gut stehe.

„Bracht – das hat dagegen gepasst“, erzählt Pies. Die Vorstände hätten sich auf Anhieb gut verstanden. „Das ist das A und O“, ist der Geschäftsführer überzeugt. „Die Vorstände müssen gut miteinander können, sonst ist ein Zusammengehen zum Scheitern verurteilt“, ist auch Cindy Adolph überzeugt.

Der Name ist für Fans und Mannschaften das größte Problem Die Spitzen von Oedingen und Bracht haben sich die Bälle gut zugespielt, gleichermaßen Zugeständnisse gemacht, sagt Pies. So hat Oedingen den Fußballkreis gewechselt von Meschede nach Olpe, ist dafür aber zum Hauptspielort der neuen Spielgemeinschaft geworden. Was den Namen anbetrifft, sei man schlicht nach dem Alphabet gegangen: erst Bracht, dann Oedingen. „Der Name war das größte Problem“, blickt Pies zurück, „vor allem für die Fans und Mitglieder.“ Die aber müssen mitgenommen werden, mahnt Cindy Adolph. Drei Spieltage lang jubelten die Fans von Bracht und Oedingen getrennt, dann hatten sie ein gemeinsames Lied für ihr Mannschaft gefunden, erinnert sich Pies und räumt ein, dass der sportliche
Erfolg viel dazu beitrug.

Cindy Adolph empfiehlt Vereinen, Mitgliedern und Fans, die Chancen einer Fusion oder Spielgemeinschaft deutlich zu machen: dass sie den Verein attraktiv für gute Spieler macht, aber auch für Sponsoren. Dass es für größere Vereine leichter ist, genug Ehrenamtliche zu gewinnen – oder sogar einen Hauptamtlichen zu bezahlen. Und dass mancher Verein sein Image damit aufbessern kann.

Im Fall der sympathischen Kreisklasse-Helden von Blau-Weiß Oedingen dürfte dies aber kein stichhaltiges Argument gewesen sein.

Nina Grunsky

1 Kommentar

  1. admin (Beitrag Autor)

    Ein paar Worte zu dem Artikel: Es gibt keine statistischen Daten, die belegen, dass immer mehr Vereine fusionieren, im Gegensatz: aus meinen bisherigen Recherchen kann man bei Vereinsfusionen (noch) nicht von einem Trend sprechen. Ferner MÜSSEN Vereine nicht fusionieren, sondern es stellt vielmehr eine Möglichkeit bzw. (Überlebens-)Strategie dar.

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