Größer, attraktiver, schlagkräftiger: Warum Sportvereine fusionieren

Nürnberg (dpa/lby) – Wenn zwei Sportvereine fusionieren, läuft das selten geräuschlos ab. Die Emotionen schlagen hoch, identifizieren sich viele Mitglieder doch stark mit «ihrem» Verein oder Club. In der Folge verlieren die Vereine meist Mitglieder. Dennoch gibt es oft gute Gründe für eine enge Kooperation – oder gar eine Fusion. Fachleute erwarten, dass solche Zusammenschlüsse künftig häufiger vorkommen.

«Fusionen gab es schon immer, das ist kein neues Phänomen», erläutert die Sportsoziologin Cindy Adolph-Börs von der Universität Paderborn. Doch da die Gründe für eine Fusion häufig mit der Alterung der Gesellschaft zusammenhingen, werde die Anzahl zunehmen. Der Deutsche Olympische Sportbund hat keine belastbaren Zahlen, spricht aber von einer «gefühlten Zunahme» und einer spürbar größeren Offenheit für Kooperationen und Fusionen.

Was für manche Vorstände noch Gedankenspiele sind, hat Jörg Ammon bereits zweimal durchgezogen. Ammon ist Präsident des ATV 1873 Frankonia Nürnberg – in dem sperrigen Namen spiegeln sich gleich drei Traditionsvereine wider, die sich 2004 und 2014 zusammengeschlossen haben.

«Sie müssen da sehr viel argumentativ überzeugen, die verschiedenen Mitglieder an ihren jeweiligen Sportstätten abholen», erzählt Ammon. «Da gibt es mal bei den Fußballern eine Sitzung, dann im Tennisheim eine Sitzung, dann eine Sitzung im jeweils anderen Verein, um die Gesichter kennenzulernen, den Mitgliedern eine vertraute Umgebung zu schaffen und ihnen Angst und Sorgen zu nehmen.»

Gerade in Vereinen, in denen sich viele Ehrenamtliche mit Leidenschaft engagieren, herrsche Informationsbedarf. «Das äußert sich in Rückfragen: Was bringt uns das, was bedeutet das, wohin geht das, was schafft uns das für einen Nutzen?» Oft stehe aber auch ganz Pragmatisches im Vordergrund: Wo und wann wird künftig trainiert? Wie organisiert man einen Spielbetrieb, wenn es auf einmal doppelt so viele Aktive gibt?

Wenn die Vorstände zweier Sportvereine Gespräche aufnehmen, hat das häufig folgende Ursachen: Der eine Verein etwa leidet unter Mitgliederschwund und bekommt seine Sporthallen nicht mehr voll, während der Nachbarverein keine Räume für zusätzliche Übungsstunden hat. Oder der eine Verein hat Schwierigkeiten, seine Mannschaften zu bestücken, während der andere zu wenige ehrenamtliche Übungsleiter findet. Auch finanzielle Probleme können dazu führen, dass ein Verein einen starken Partner sucht – und im Gegenzug dessen Angebot um neue Sparten bereichert.

Eher selten kommt es hingegen vor, dass beide Vereine gut aufgestellt sind und sich zusammenschließen, weil sie sich davon positive Effekte erhoffen. Dabei könnten gerade mittelgroße Vereine mit um die 800 Mitglieder davon profitieren, wenn es nur noch einen Internetauftritt, eine Buchhaltung und eine Mitgliederverwaltung gibt. Auch der Unterhalt der Sportstätten oder hauptamtliche Mitarbeiter könnten gemeinsam leichter bezahlt werden, betont Ammon, der Vizepräsident des Bayerischen Landes-Sportverbands ist.

Doch unter den Mitgliedern gibt es selbst bei triftigen Argumenten häufig Widerstand gegen eine Zusammenarbeit, weiß Forscherin Adolph-Börs. Mit den einstigen Gegnern in einer Mannschaft spielen? Niemals! Da trete so mancher lieber aus.

Im Fall des ATV 1873 Frankonia Nürnberg ließen sich die rund 1900 Mitglieder letztlich überzeugen. «Man möchte ja nicht in zehn Jahren ohne Mitglieder dastehen, nur weil man nicht rechtzeitig erkannt hat, wohin sich die Sportlandschaft entwickelt», erklärt Präsident Ammon.

Von Elke Richter, dpa

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*